Reiden als gewerbliches Zentrum im Wiggertal

Aus Anlass des 120jährigen Bestehens des Gewerbevereins Reiden und Umgebung

Spezialausstellung im Dorfmuseum Langnau-Mehlsecken-Reiden, 2026

a) Reiden zwischen 1856 und 1906
1856 wurde die Bahnlinie Olten-Emmenbrücke eröffnet. Reiden erhielt einen Anschluss, der südlich des Dorfes an der Strasse nach Langnau zu stehen kam. Die Vorstellung, dass sich damit Wachstum und Fortschritt geradlinig ausbreiteten, führt jedoch in die Irre. Wie in vielen anderen Dörfern sank die Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Reiden erst mal tüchtig und erreichte erst nach 1900 wieder den Stand von 1850. Doch seit den 1890er-Jahren entwickelte sich das Bauerndorf zu einem kleinen gewerblichen Zentrum. Fabriken gab es damals in Reiden allerdings erst zwei: die aus der ehemaligen Grossmühle hervorgegangene Baumwollspinnerei Lang und die Möbelfabrik des vielseitigen Unternehmers Ludwig Meyer, der auch eine Schneiderei und später ein Versandhaus betrieb. Doch bereits 1892 gründeten Arbeiter und Handwerker einen Grütliverein in Reiden, der in den 1920er-Jahren durch eine SP-Sektion abgelöst wurde. Ein Jahr später, 1893, schlossen sich die Bauern zu einer Landwirtschaftlichen Genossenschaft zusammen. Die Vielfalt der selbständigen Berufsleute war gross und umfasste nicht nur die verbreiteten Branchen wie Bäcker, Metzger, Wirte, Coiffeure, Schneiderinnen und Schuhmacher sowie landwirtschaftsnahe Handwerke wie Schmiede, Wagner, Gerber, Sattler, Säger oder Küfer, sondern auch so spezialisierte Betriebe wie eine Färberei, eine Blumenhandlung und eine Bildhauerei. Zwei Ärzte und ein Tierarzt kümmerten sich um Mensch und Vieh. Die lebhafte Entwicklung Reidens zog 1902 mit Martin Frei auch einen jungen Buchdrucker aus der Ostschweiz an, der hier zu Recht eine Chance für Druckaufträge sah. Am 18. Oktober 1902 liess Frei unter dem Titel «Local-Anzeiger für Reiden und Umgebung» ein kleinformatiges Wochenblatt erscheinen. Der Reider Gemeinderat unterstützte das Projekt. 1904 verpasste Frei seinem Blatt ein grösseres Format und den neuen Titel «Der Oberwiggertaler». Ebenfalls 1904 gründete der Ingenieur Hermann Bossart in Reiden eine Maschinenfabrik, die zuerst mit Wasserturbinen und Transmissionen Erfolg hatte, bald schon auch Geschirrspülautomaten für Hotels, Maschinen für die Holzbearbeitung und ab 1914 auch Drehbänke produzierte.
Reiden um 1912, kolorierte Ansichtskarteb) Reiden zwischen 1906 und 1930.
Gewerbeverein, Gewerbeschule, Gewerbegericht Im Spätherbst 1906 bildete sich unter der Leitung Hermann Bossarts ein Initiativ-Komitee zur Gründung eines Handwerker- und Gewerbevereins. Nach einer ersten Versammlung von 23 Gewerbetreibenden wurden «alle Interessenten des Gerichtskreises Reiden-Pfaffnau und der Ortschaft Dagmersellen» zu einer Gründungsversammlung eingeladen. Kurz darauf, am 23. Dezember 1906, konstituierte sich im Gasthof Mohren der Handwerker- und Gewerbeverein Reiden und Umgebung. Von den rund 50 Anwesenden konnte sich die Hälfte zum sofortigen Beitritt entschliessen. Ebenfalls 1906 hatte sich der Kanton Luzern ein Gesetz über das Lehrlingswesen gegeben. Dieses machte die Schlussprüfungen für Lehrlinge und Lehrtöchter obligatorisch. In der Folge stieg die Anzahl der Gewerbeschulen im Kanton von vier auf 23. Auch in Reiden entstand 1911 unter tatkräftiger Mitwirkung Bossarts eine Gewerbeschule, die sich auf die Lehrlinge der Maschinenbranche spezialisierte. Der Besuch war zuerst nur für die in Reiden wohnhaften Lehrlinge obligatorisch. 1929 wurde der Schulbesuch für alle Lehrlinge und Lehrtöchter während der Arbeitszeit vorgeschrieben. Die Gewerbeschule Reiden existierte bis in die 1970er-Jahre. Dann wurde sie zugunsten der neuen Berufsschule Zofingen aufgehoben. Letzter Rektor war der Gemeindepräsident und Lehrer Emil Amrein.
Den Ersten Weltkrieg überstand der Gewerbeverein Reiden und Umgebung ohne Schaden. Allerdings sank die Mitgliederzahl von über 100 auf unter 60, weil zu Beginn des Jahres 1918 in Dagmersellen und Pfaffnau eigene Gewerbevereine entstanden waren. Trotzdem brachte der Verein im Mai 1918 erstmals eine lokale Gewerbeausstellung zustande. Von der Regierung erhielt er die Bewilligung, dafür eine Tombola zu veranstalten. Der Gewinn sollte teilweise der Gewerbeschule zukommen.
Der Gewerbeverein nannte sich um 1919 auch Verkehrsverein und setzte sich, vorerst erfolglos, für einen Postautokurs nach St. Urban ein. Erst 1926 ging dieser Wunsch teilweise in Erfüllung; die letzte Pferdepost nach Roggliswil wurde am 1. März 1926 durch einen Autobus ersetzt.
Letzte Pferdepost nach Roggliswil, 1. März 1926, AnsichtskarteMehr als das Gewerbe litt die Arbeiterschaft unter der kriegsbedingten Teuerung. In Bossarts Maschinenfabrik, wo sich die Arbeiter im November 1918 am Landesstreik beteiligt hatten, konnten sie 1920 dem Prinzipal in einem längeren Arbeitskampf eine Lohnerhöhung abtrotzen. 1927 erreichten die Arbeitervereine gegen den Willen des Gewerbevereins, dass das Gemeindegebiet von Reiden in den Geltungsbereich des Gewerbegerichts Luzern einbezogen wurde. Damit wurde dieses paritätisch aus Arbeitgebern und -nehmern zusammengesetzte Gericht – und nicht mehr der lokale Friedensrichter – für arbeitsrechtliche Streitigkeiten zuständig. Entscheidend war, dass diesmal auch der Gemeinderat für das Anliegen einstand. Ein erster Anlauf war 1913 noch erfolglos geblieben.

c) Der Gewerbeverein Reiden in der Vor- und Nachkriegszeit
Nach dem Rücktritt des Unternehmers Josef Hunkeler (Wikon) 1928 scheinen sich die Industriellen weitgehend vom Gewerbeverein verabschiedet zu haben. Der Crash der Volksbank Reiden führte auch den Gewerbeverein in die Krise, dieser musste 1933 «praktisch neu gegründet» werden und erhielt neue Statuten. Das half, schon 1936 führte der Verein eine grosse Ausstellung durch und konnte in der Jahresrechnung ausnahmsweise einen Gewinn verzeichnen. Arbeitsüberlastung des Kassiers und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderten danach mehrere Generalversammlungen. Dafür wurde eine auf den 18. Oktober 1940 angesetzte Versammlung der Duttweiler-Gruppe (Landesring) durch ein Aufgebot von 50 Gewerblern gestört. Die Auseinandersetzungen des Gewerbes mit den Konsumvereinen, Migros und Landesring waren nicht nur in Reiden ein Thema; speziell war aber der hiesige Volksmund, der dem Langnauer Krämerladenbesitzer Walter Vonarburg, Vorstandsmitglied des Gewerbevereins, den Spitznamen «Migros» verpasste. An der GV 1948 mussten sich die Zeitungsleute Albert Meyer und Alfred Egli verteidigen, weil ihre beiden Lokalzeitungen Inserate der Migros aufnahmen.
Bis in die 1950er-Jahre bildeten die Öffnungszeiten der Krämerläden und Coiffeure an und vor Sonn- und Feiertagen ein häufiges Thema. Der Verein versuchte hier mit wechselhaftem Erfolg, Grenzen zu ziehen, zählte doch die Eindämmung der brancheninternen Konkurrenz zu seinen Zielen.
In den 60er-Jahren kam das Projekt eines Schwimmbads in Reiden aufs Tapet. Geleitet wurde der Gewerbeverein in dieser Phase vom Weinhändler Edy Meyer-Vonesch, der mit 13 Jahren die längste Amtszeit aller Präsidenten absolvierte. 1962 musste er bekanntgeben, dass die Migros in Reiden Fuss fassen würde, und riet den Detaillisten, den Kunden «mit umso grösserer Freundlichkeit und Aufmerksamkeit zu begegnen». Von den Mitgliedern des Gewerbevereins wurde aber offensichtlich erwartet, dass sie selbst nicht im Konsum oder Migros einkauften.
Vereinsausflüge, Weihnachtsausstellungen und seit 1957 auch Ausfahrten mit Insassen des Bürgerheims gehörten zu den wiederkehrenden Aktivitäten des Vereins, der auch an der Fasnacht mit einem eigenen Wagen Präsenz markierte. Kein anhaltender Erfolg war dem in den 70er-Jahren ins Leben gerufenen «Reider Märt» beschieden. Zu einem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis entwickelte sich dagegen die seit 1981 alle fünf bis sechs Jahre durchgeführte Gewerbeausstellung REGA.
1982 nahm ein Fussballteam des Gewerbevereins unter dem Slogan «Bi eus git’s alles» am Jubiläumsturnier des SC Reiden teil. Foto: AANachdem die Zahl der Mitglieder seit den 40er-Jahren immer zwischen 75 und 95 gelegen hatte, wurde 1982 erstmals die Hundertergrenze übertroffen. Das 75-Jahr-Jubiläum und die aus diesem Anlass lancierte Gewerbeausstellung dürften hier ihre Wirkung entfaltet haben. Auch die Aktivitäten des Werbeprofis Guido Valcanover trugen dazu bei, dass die Zahl in den 90er-Jahren über 120 stieg, mit dem vorläufigen Rekord von 131 anno 1997.

d) Der Gewerbeverein Reiden im 21. Jahrhundert
Zu Beginn der 1990er-Jahre hatten mit Hildegard Meyer und Lisbeth Arnold erstmals auch Frauen im Vorstand des Gewerbevereins Einsitz genommen. Die beiden übernahmen nach einer Vakanz 1996 zusammen mit Josef Brülhart aus Wikon das Präsidium und führten den Verein ins 21. Jahrhundert. Auf Jahresbeginn 2006 trat die Fusion der Nachbargemeinden Langnau und Richenthal mit Reiden in Kraft. Sie war zwei Jahre zuvor in einer Volksabstimmung mit Mehrheiten zwischen 55 % (Reiden) und 69 % (Richenthal) angenommen worden. Damit gehörten nun ausser Wikon alle Ortschaften aus dem Einzugsgebiet des Gewerbevereins zur Gemeinde Reiden.
Im Mai 2006 feierte der Gewerbeverein Reiden und Umgebung sein 100jähriges Jubiläum mit einem Nachtessen und «gediegenem Rahmenprogramm». Von bleibendem Wert war eine im Vorfeld erstellte Jubiläumsbroschüre, die mit einem speziellen Logo und dem Motto «Unsere Region hat Zukunft» ausgestattet war. Der seit 2002 amtierende Vereinspräsident Jörn Meyer (1968-2022), Juniorchef der Druckerei Meyer, hatte dazu die Ausgaben seines «Oberwiggertalers» ausgewertet und weitere Quellen studiert. 
Die gegen 2000 verstärkte Ansiedlung neuer Betriebe brachte Reiden den Verlust grosser Flächen von Kulturland und ein signifikantes Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerschaft der fusionierten Gemeinde wuchs auf über 7500 an. Zusammen mit Wikon zählt das Einzugsgebiet des Vereins nun über 9000 Seelen.
2024 übernahm Marietta Vogel das Präsidium des Gewerbevereins, ihr Vorgänger David Kunz wurde 2025 zum Ehrenpräsidenten gewählt.Der Gewerbeverein konnte zunächst nicht mit diesem Wachstum mithalten, die Zahl seiner Mitglieder ging bis 2020 sogar etwas zurück. In jüngster Zeit kam es jedoch zu zahlreichen Neueintritten, was zum Höchststand von
141 Aktiv- und 36 Passivmitgliedern führte. Auch in diesem früher rein männlich dominierten Verein sind die Frauen unentbehrlich geworden. Der aktuelle Vorstand besteht aus zwei Frauen und fünf Männern.
Vielleicht ist der Mitgliederzuwachs eine Folge davon, dass sich der Verein in den letzten Jahren vermehrt um Zusammenhalt und Nachhaltigkeit bekümmert. «Eine Gemeinschaft lebt davon, dass es Menschen gibt, die mehr tun als sie tun müssten», lautet der aktuelle Slogan.
In dem zusammen mit der Gemeinde produzierten «Reiden Magazin» informiert der Gewerbeverein die Bevölkerung über seine Aktivitäten. Dazu gehören weiterhin die Gewerbeausstellung REGA und das Mitmachen am Fasnachtsumzug, während der Seniorenausflug eingestellt wurde. Ein spezielles Engagement galt 2015 der neuen Weihnachtsbeleuchtung mit Kandelabern und LED-Leuchtmitteln, die zusammen mit der Gemeinde auf alle Ortsteile ausgedehnt wurde, oder 2025 dem unter dem Motto «Sauberes Reiden» organisierten «Clean Up Day». Aus einer Kooperation mit «Natur Reiden» entstand 2023 der Eichhörnliweg (Erlebnispfad). Demgegenüber entspricht die kürzlich eingerichtete Plattform zum Nachweis von Lehrstellen einem Kernanliegen der Wirtschaft.